Prof. Dr.
Katja Krause
Associated Principal Investigator
Vertrauenswürdige KI
Weitere Informationen
Viele philosophische Diskussionen über KI beginnen mit ihren Auswirkungen auf unser Leben. Sie konzentrieren sich auf unsere Aufmerksamkeit, unsere Handlungsfähigkeit, unser Wissen und unser soziales Leben. Katja Krauses Forschung setzt bereits früher ein. Sie fragt, was vorhanden sein muss, damit menschliches Urteilsvermögen überhaupt entstehen kann.
Krause ist Philosophin und Wissenschaftshistorikerin. Sie ist Gastprofessorin an der Fakultät für Informatik der Ruhr-Universität Bochum (RUB), assoziierte Projektleiterin am Lamarr-Institut (TU Dortmund), Inhaberin eines Lehrstuhls für Wissenschaftsgeschichte an der TU Berlin und leitet die Max-Planck-Forschungsgruppe „Erfahrung in den vormodernen Seelen- und Körperwissenschaften“ am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Ab September 2026 wird sie als Gründungsdirektorin des Instituts für Kunst und Geisteswissenschaften tätig sein und einen Stiftungslehrstuhl am Fachbereich Philosophie des Angelicum in Rom innehaben.
In ihrer Forschung entwickelt Krause das Prinzip der relationalen Rationalität. Ausgehend von der Geschichte der Philosophie und der Naturwissenschaften formuliert sie die Bedingungen, unter denen Menschen sich voll entfalten können. Ihre These lautet, dass die menschliche Vernunft weniger eine im Individuum eingeschlossene Fähigkeit ist, sondern vielmehr ein geordneter Beziehungszusammenhang, in dem sich die Vernunft bildet und erhält. Sie nimmt Gestalt an im Umgang mit der Realität der Erfahrung, in der Begegnung mit anderen Menschen, in der Orientierung an Prinzipien des Wahren und Guten sowie in einer reflexiven Beziehung zum Selbst, die Urteilsvermögen und damit Selbstbestimmung überhaupt erst ermöglicht.
Von diesem Standpunkt aus untersucht sie, wie generative KI diese tragenden Beziehungen ins Wanken bringt. Sie ersetzt den Kontakt mit der Welt durch Simulation, verdrängt das persönliche Andere durch erfundene Begegnungen, lenkt die Orientierung durch Optimierungslogiken um und entkoppelt die Selbstbeziehung, indem sie die Reflexion auslagert. In ihren Untersuchungen geht es nicht darum, wie KI epistemische Prozesse optimiert. Es geht vielmehr darum, ob sie die Beziehungen stärkt, die die menschliche Vernunft tragen, oder ob sie die Erfahrung, den Widerstand und die Rechenschaftspflicht entzieht, durch die Urteilsvermögen entsteht.
Institutionellen Ausdruck findet diese Forschung im ENNOIA SYMPOSION: Being Human in the Age of AI – einem von ihr gegründeten und geleiteten vierjährigen interdisziplinären Programm, das von der kata agorein Foundation gefördert und gemeinsam vom Fachbereich Informatik der Ruhr-Universität Bochum und dem Lamarr-Institut der TU Dortmund veranstaltet wird. Das Symposion bringt Naturwissenschaftler, Sozialwissenschaftler, Ingenieure, KI-Forscher und Geisteswissenschaftler zusammen, um zu klären, was es bedeutet, Mensch zu sein und Mensch zu werden – eine Frage, die keine einzelne Disziplin allein beantworten kann.
Innerhalb dieser gemeinsamen Arbeit besteht Krauses besonderer Beitrag darin, die philosophischen Ressourcen und akademischen Formen der Begegnung zu entwickeln, durch die die Bildung menschlicher Vernunft unter den Bedingungen der KI bewusst ermöglicht und verantwortungsvoll weitergegeben werden kann. Sie nähert sich der Frage nicht als Kritikerin, die außerhalb des Fachgebiets steht, sondern als Hüterin von etwas, von dem wir alle abhängig sind, und sie lädt diejenigen, die diese Technologien gestalten, offen dazu ein, sich an der Untersuchung zu beteiligen – sowohl als Forscher*innen als auch als Menschen, deren Kinder inmitten der Antworten aufwachsen werden, die wir heute geben.