{"id":4192,"date":"2021-11-24T04:06:26","date_gmt":"2021-11-24T04:06:26","guid":{"rendered":"https:\/\/lamarr-institute.org\/blog\/kuenstliche-freundschaft\/"},"modified":"2025-11-12T14:52:03","modified_gmt":"2025-11-12T14:52:03","slug":"kuenstliche-freundschaft","status":"publish","type":"blog","link":"https:\/\/lamarr-institute.org\/de\/blog\/kuenstliche-freundschaft\/","title":{"rendered":"Mein Freund, der Roboter &#8211; Kann man Freundschaft programmieren?"},"content":{"rendered":"\n<p>Freundschaften mit Maschinen sind ein wiederkehrendes Thema in Literatur und Popkultur. Schon Mitte des 20. Jahrhunderts beschrieb Isaac Asimov eine <a href=\"https:\/\/www.penguinrandomhouse.de\/Taschenbuch\/Ich-der-Roboter\/Isaac-Asimov\/Heyne\/e341466.rhd\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Freundschaft zwischen dem M\u00e4dchen Gloria und seinem Betreuungs-Roboter Robbie<\/a>, und k\u00fcrzlich entwarf auch der Literaturnobelpreistr\u00e4ger Kazuo Ishiguro mit der <a href=\"https:\/\/www.penguinrandomhouse.de\/Buch\/Klara-und-die-Sonne\/Kazuo-Ishiguro\/Blessing\/e584225.rhd\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eK\u00fcnstlichen Freundin\u201c Klara<\/a> ein \u00e4hnliches Szenario. Allerdings sind k\u00fcnstliche Freundschaften mehr als Science-Fiction: Eine der Pionierinnen der Sozialen Robotik, die MIT-Professorin Cynthia Breazeal, vertrat bereits vor zwanzig Jahren die Ansicht, dass wir mit <a href=\"https:\/\/ieeexplore.ieee.org\/book\/6267230\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Robotern befreundet sein k\u00f6nnen<\/a>; und tats\u00e4chlich existieren mittlerweile kommerzielle Freundschafts-Bots, sogenannte \u201eArtificial Companions\u201c, die auf gro\u00dfes <a href=\"https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/pii\/S1071581921000197\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">wissenschaftliches<\/a> und <a href=\"https:\/\/qz.com\/1698337\/replika-this-app-is-trying-to-replicate-you\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">mediales<\/a> Interesse sto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00fcnstliche Freundschaften sind keineswegs so abwegig, wie es zun\u00e4chst klingen mag. Die menschliche Neigung zur Anthropomorphisierung von Maschinen, also der Zuschreibung menschlicher Eigenschaften, ist vielfach belegt. Wir alle haben schon einmal einem abgest\u00fcrzten Computer gut zugeredet oder einem altersschwachen Auto mit der Verschrottung gedroht. Bereits minimale Reize f\u00fchren dazu, dass wir unbelebte Objekte vermenschlichen. Das gilt umso mehr f\u00fcr Roboter, die gezielt menschliches Aussehen und Verhalten imitieren: Beispielsweise sind viele Menschen gewillt, einem <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1093\/joc\/jqy026\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Roboter intime Aspekte ihres Lebens anzuvertrauen<\/a>. Es gibt unz\u00e4hlige Studien, die belegen, dass <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007%2Fs12369-012-0173-8\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Menschen Mitleid mit Robotern<\/a> haben, sich um deren scheinbare <a href=\"https:\/\/www.vr-elibrary.de\/doi\/abs\/10.13109\/9783666604355.205\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bed\u00fcrfnisse k\u00fcmmern<\/a> oder <a href=\"https:\/\/dl.acm.org\/doi\/10.1145\/2157689.2157696\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ihnen Humor zuschreiben<\/a>. Vor diesem Hintergrund ist es wenig \u00fcberraschend, dass einige Menschen ihre Roboter als Freunde betrachten: Sie <a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pmc\/articles\/PMC7084290\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">schw\u00e4rmen von der F\u00fcrsorglichkeit ihrer virtuellen Freundin<\/a> oder versichern, sich <a href=\"http:\/\/www.mimitchi.com\/aibo\/logs\/may.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ein Leben ohne ihren Roboter nicht mehr vorstellen zu k\u00f6nnen<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><span style=\"font-size: 18pt;\">Sind Roboter die besseren Freunde?<\/span><\/h2>\n\n\n\n<p>Solche Forschungsergebnisse haben auch eine ethische Dimension. Aristoteles ging davon aus, dass <a href=\"https:\/\/meiner.de\/nikomachische-ethik-8653.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Freundschaften notwendiger Bestandteil eines gl\u00fccklichen Lebens<\/a> sind, und auch empirische Untersuchungen zeigen, dass enge soziale Beziehungen in hohem Ma\u00dfe zur <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/book\/10.1007%2F978-94-017-9603-3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">pers\u00f6nlichen Lebenszufriedenheit<\/a> beitragen. Einsamkeit hingegen wirkt sich negativ auf die <a href=\"https:\/\/research-information.bris.ac.uk\/en\/publications\/isolation-and-loneliness-an-overview-of-the-literature\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">k\u00f6rperliche und mentale Gesundheit aus<\/a>. Erstaunlicherweise kann auch die Interaktion mit einem Roboter <a href=\"https:\/\/www.jamda.com\/article\/S1525-8610(13)00097-2\/fulltext\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gef\u00fchle von Einsamkeit reduzieren<\/a>. Es scheint, als w\u00e4ren k\u00fcnstliche Freundschaften geeignet, die Lebensqualit\u00e4t zu steigern.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr noch: Neue Technologien, insbesondere K\u00fcnstliche Intelligenz (KI) in Form von Maschinellem Lernen, \u00fcbertreffen den Menschen bereits heute in vielen Lebensbereichen. K\u00f6nnen wir somit durch KI f\u00fcr jeden Menschen die ideale Freundin erschaffen? Auf den ersten Blick spricht vieles daf\u00fcr: Roboter plaudern keine Geheimnisse aus und sind stets verf\u00fcgbar. Sie sind niemals ungeduldig oder durch eigene Sorgen abgelenkt. Anstatt m\u00fchsam nach einer Seelenverwandten zu suchen, l\u00e4sst sich die \u201ePers\u00f6nlichkeit\u201c eines Roboters beliebig an den <a href=\"http:\/\/www.replika.ai\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">eigenen Charakter anpassen<\/a>. Und tats\u00e4chlich <a href=\"https:\/\/www.theatlantic.com\/health\/archive\/2013\/09\/married-to-a-doll-why-one-man-advocates-synthetic-love\/279361\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ziehen einige Menschen die Interaktion mit einem Roboter zwischenmenschlichen Bindungen vor<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><span style=\"font-size: 18pt;\">Zwischenmenschliche Freundschaften sind wertvoll<\/span><\/h2>\n\n\n\n<p>Andererseits: Eine Welt, in der keinerlei zwischenmenschliche Freundschaften existieren und wir unsere Zeit ausschlie\u00dflich mit Roboterfreunden verbringen, klingt wenig verhei\u00dfungsvoll. Was haben zwischenmenschliche Freundschaften, das k\u00fcnstlichen Freundschaften fehlt? Die Antwort ergibt sich aus dem <em>Wert<\/em> freundschaftlicher Beziehungen: Freundschaften sind <em>an sich<\/em> wertvoll, weil wir uns in Freundschaften moralisch verhalten. Wir bringen einer Freundin nicht deshalb Unterst\u00fctzung entgegen, weil es uns selbst n\u00fctzt, sondern weil wir ihr Gutes w\u00fcnschen und unsere Interessen mitunter den ihrigen unterordnen. Gleichzeitig sind Freundschaften immer auch <em>f\u00fcr uns selbst<\/em> wertvoll, weil sie einen gewissen Zweck erf\u00fcllen. Beispielsweise k\u00f6nnen wir mit unseren Freundinnen gemeinsamen Hobbys nachgehen, sie helfen uns beim Umzug und geben uns das Gef\u00fchl, liebenswert zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ein Roboterfreund ist n\u00fctzlich. Er kann uns (scheinbar) zuh\u00f6ren, Trost spenden, zum Lachen bringen und eines Tages vielleicht sogar beim Umzug helfen. Das, was Freundschaften<em> an sich<\/em> wertvoll macht, geht in k\u00fcnstlichen Freundschaften allerdings verloren, da eine solche Beziehung zwangsl\u00e4ufig nur den eigenen Interessen dient. Das ist zun\u00e4chst nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches, auch Aristoteles beschreibt Freundschaften, die nur deswegen andauern, weil die Freundinnen einen gewissen Nutzen aus ihrer Beziehung ziehen. Doch selbst solche Nutzenfreundschaften sind mit Robotern unm\u00f6glich: Denn ein zentrales Merkmal von Freundschaften ist die <em>Gegenseitigkeit<\/em>. Jeder, der schon einmal ungl\u00fccklich verliebt war, wei\u00df: Liebe bleibt Liebe, auch wenn sie nicht erwidert wird. Freundschaft hingegen kann niemals einseitig sein. Man kann einen Roboter zwar m\u00f6gen, ihm intime Geheimnisse erz\u00e4hlen, sich um ihn k\u00fcmmern und sogar empathisch auf ihn reagieren. Doch solange keine starke KI mit Emotionen und Bewusstsein existiert, werden Roboter freundschaftliches Verhalten lediglich simulieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lamarr-institute.org\/wp-content\/uploads\/00_inBlog-1024x513.jpg\" alt=\"- Lamarr Institute for Machine Learning (ML) and Artificial Intelligence (AI)\" class=\"wp-image-25009\" title=\"\"><figcaption class=\"wp-element-caption\">\u00a9 Good Studio\/stock.adobe.com &amp; ML2R\n<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Illusion von Freundschaft<\/h2>\n\n\n\n<p>Kehren wir noch einmal zur Anthropomorphisierung zur\u00fcck. Schlie\u00dflich wissen wir genau, dass kein Computer uns etwas B\u00f6ses will, und trotzdem betteln wir, dass er doch bitte wieder auf unsere Tastatureingaben reagieren m\u00f6ge. In der Medienpsychologie wird angenommen, dass die Vermenschlichung unbelebter Objekte ein <a href=\"https:\/\/psycnet.apa.org\/record\/1996-98923-000\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">unwillk\u00fcrlicher Prozess<\/a> ist, gegen den wir weitgehend machtlos sind. Entsprechend leicht d\u00fcrfte es fallen, sich \u2013 wider besseres Wissen \u2013 auf die Freundschaftssimulation eines Roboters einzulassen. Zwar ist dann eine gewisse Selbstt\u00e4uschung im Spiel, schlie\u00dflich wollen wir <em>tats\u00e4chlich<\/em> gemocht werden, <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007%2Fs11023-006-9030-6\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">nicht blo\u00df f\u00e4lschlicherweise daran glauben<\/a>. Aber was spricht eigentlich dagegen, sich der Illusion von Freundschaft hinzugeben, wenn es sich doch gut anf\u00fchlt?<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht, dass sich k\u00fcnstliche Freundschaften <em>zu gut<\/em> anf\u00fchlen. In zwischenmenschlichen Freundschaften lernen wir, die eigenen Bed\u00fcrfnisse auch einmal hintanzustellen, Kompromisse einzugehen und Konflikte auszutragen. Beispielsweise ist die Kritik einer engen Freundin Anlass, sich selbst und das eigene Verhalten zu hinterfragen. Das kann anstrengend sein, doch lernen wir dadurch eine Menge \u00fcber uns selbst und \u00fcber andere. K\u00fcnstliche Freunde hingegen unterliegen den kommerziellen Interessen des Herstellers, der die Interaktion mit seinem Produkt so angenehm wie m\u00f6glich gestalten m\u00f6chte. Solch eine konfliktfreie, ausschlie\u00dflich an den eigenen Bed\u00fcrfnissen ausgerichtete k\u00fcnstliche Freundschaft k\u00f6nnte zwischenmenschliche Freundschaften im Vergleich dazu weniger erstrebenswert erscheinen lassen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">K\u00fcnstliche Freundschaften bergen Risiken<\/h2>\n\n\n\n<p>Damit die Vorz\u00fcge einer k\u00fcnstlichen Freundschaft nicht ins Gegenteil umschlagen, bedarf es einer Regulation der Herstellerfirmen. Die bedingungslose Wertsch\u00e4tzung durch einen Roboterfreund birgt die Gefahr, <a href=\"https:\/\/mitpress.mit.edu\/books\/robot-ethics\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">psychisch abh\u00e4ngig zu machen und soziale Isolation zu verst\u00e4rken<\/a>. Insbesondere vulnerable Personen m\u00fcssen davor gesch\u00fctzt werden, zu tief in die Illusion abzugleiten, auf der k\u00fcnstliche Freundschaften beruhen. Keinesfalls darf die menschliche Neigung zur Anthropomorphisierung zugunsten kommerzieller Interessen eines Unternehmens oder der Sicherheitsagenda einer Regierung <a href=\"https:\/\/www.hanser-elibrary.com\/doi\/10.3139\/9783446462403\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ausgenutzt werden<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Freund*innen wollen unser Bestes. Wir m\u00fcssen daf\u00fcr Sorge tragen, dass dies auch f\u00fcr k\u00fcnstliche Freundschaften gilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie eine k\u00fcnstliche Freundschaft aussehen kann, zeigt dieses Video:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n <div class=\"brlbs-cmpnt-container brlbs-cmpnt-content-blocker brlbs-cmpnt-with-individual-styles\" data-borlabs-cookie-content-blocker-id=\"youtube-content-blocker\" data-borlabs-cookie-content=\"PGlmcmFtZSB0aXRsZT0iVGhlIHN0b3J5IG9mIFJlcGxpa2EsIHRoZSBBSSBhcHAgdGhhdCBiZWNvbWVzIHlvdSIgd2lkdGg9IjY0MCIgaGVpZ2h0PSIzNjAiIHNyYz0iaHR0cHM6Ly93d3cueW91dHViZS1ub2Nvb2tpZS5jb20vZW1iZWQveVFHcU1WdUFrMDQ\/ZmVhdHVyZT1vZW1iZWQiIGZyYW1lYm9yZGVyPSIwIiBhbGxvdz0iYWNjZWxlcm9tZXRlcjsgYXV0b3BsYXk7IGNsaXBib2FyZC13cml0ZTsgZW5jcnlwdGVkLW1lZGlhOyBneXJvc2NvcGU7IHBpY3R1cmUtaW4tcGljdHVyZTsgd2ViLXNoYXJlIiByZWZlcnJlcnBvbGljeT0ic3RyaWN0LW9yaWdpbi13aGVuLWNyb3NzLW9yaWdpbiIgYWxsb3dmdWxsc2NyZWVuPjwvaWZyYW1lPg==\"><div class=\"brlbs-cmpnt-cb-preset-c brlbs-cmpnt-cb-youtube\"> <div class=\"brlbs-cmpnt-cb-thumbnail\" style=\"background-image: url('https:\/\/lamarr-institute.org\/wp-content\/uploads\/borlabs-cookie\/1\/yt_yQGqMVuAk04_hqdefault.jpg')\"><\/div> <div class=\"brlbs-cmpnt-cb-main\"> <div class=\"brlbs-cmpnt-cb-play-button\"><\/div> <div class=\"brlbs-cmpnt-cb-content\"> <p class=\"brlbs-cmpnt-cb-description\">Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von <strong>YouTube<\/strong>. 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